Hallo! Mein Name ist Marc Dauenhauer. Ich bin Datenschutzbeauftragter und IT-Architekt. Sie befinden sich hier auf einem Blog, auf dem ich über Themen der Digitalisierung im weitesten Sinne berichte. Wenn Sie meine Dienstleistungen als Datenschutz-Experte oder IT-Spezialist suchen, klicken Sie bitte hier!

Die Tragik der Digitalisierung

In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? Und noch viel wichtiger, in welcher Welt leben wir eigentlich? Diese Frage scheint mir immer schwerer zu beantworten zu sein, so schnell wie sich die Welt um uns herum verändert. Lange gültige Glaubenssätze verlieren momentan schneller an Bedeutung als wir uns auf neue einlassen können. Es wird zunehmend schwieriger, überhaupt die Orientierung zu behalten. Auf der einen Seite existiert der wissenschaftliche, aufgeklärte, faktenbasierte Diskurs und auf der anderen Seite esoterische Weltinterpretationen, Schwurbelgeschichten und Weltverschwörungen, gemischt mit gezielt gesteuerter Desinformation. Es wird zunehmend schwerer, den Verlauf der Trennlinien zwischen diesen Sphären zu erkennen. Dabei sollten uns doch Zahlen, Daten und Fakten helfen, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, erscheint mir als die Tragik der Digitalisierung.

Die Sehnsucht der Menschen nach Gewissheiten ist so groß, dass viele nach allem greifen, was nur ungefähr nach einer Gewissheit aussieht. Goldene Zeiten für Propheten, Gurus, Populisten und andere Scharlatane. Scheinbar hat sich die Welt seit dem Eintritt in das Zeitalter der Aufklärung nicht wirklich weiterentwickelt. Die Prinzipien, die uns einen anderen Zugang zu uns und der Welt ermöglichen sollten, nämlich einen selbstbestimmten, auf Erkenntnis beruhenden, scheinen gesellschaftlich mehrheitlich keine essentielle Rolle zu spielen. Alles wird emotionalisiert, denn nur emotional sind die Menschen erreichbar, aber emotional sind sie auch am besten manipulierbar. Überhaupt scheinen manigfaltige Formen der Manipulation ein unverzichtbarer Bestandteil unserer neuen digitalen Welt geworden zu sein. Hier nur ein paar Beispiele, ohne auf diese hier gezielt einzugehen:

  • Social Media Bubbles, die das Gefühl vermitteln, dass alle um einen herum die gleichen Werte teilen.
  • Push-Mitteilungen, die uns ständig motivieren sollen, dass wir doch mit irgendwelchen Systemen oder Angeboten zu interagieren haben. Wir bestimmen längst nicht mehr selbst, wem oder was wir unsere ständige Aufmerksamkeit widmen.
  • Cookie-Banners, die es umständlich machen, Cookies abzulehnen aber leicht, ihnen zuzustimmen
  • Preise, in online-shops, die danach variieren, wie teuer das Endgerät war, mit dem man auf die entsprechenden Seiten zugreift
  • Nachrichten, die aus dem Kontext gerissen werden oder in einen falschen Kontext eingebettet werden.
  • Eine Auswahl von Nachrichten und Informationen, die sich nicht danach orientieren, was ist, sondern nach dem, was der Konsument gerne glaubt, was sein könnte.
  • Framing, in dem unterbewusst Kontexte hergestellt werden, die die Interpretation von Nachrichten und Fakten beeinflußen.
  • Umfragen werden nicht mit einem Erkenntnisinteresse gestartet, sondern um bereits bestehende Positionen in der Kommunikation zu stärken.

Jeden der oben genannten Punkte könnte man jetzt weiter ausarbeiten und detailliert aufzeigen, wie die Manipulation konkret funktioniert und wer welchen Nutzen daraus zieht. Eines ist m.E. allen Formen der Manipulation gemein: Mit Wertschätzung der Menschen, mit der Förderung des freien Willens und mit einer am gesellschaftlichen Nutzen orientierten Kommunikation hat das alles wenig bis gar nichts zu tun.

Die Manipulation basiert auf Daten.

Die Manipulation selbst arbeitet nach streng wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hier wird mit harten Zahlen, Daten und Fakten an der Optimierung der Verführung der Massen gearbeitet. Und diese Daten müssen erhoben werden. Überall. Jederzeit. Der Mensch wird zur Datenkuh, die man unablässig melkt, um daraus Nahrung für die nächste Manipulationsmaschine zu erzeugen. Natürlich werden Daten auch anders genutzt: sinnstiftend, erkenntnistreibend, einem höheren Sinn dienend oder – einfacher gesagt – zum Nutzen der Menschen, die diese Daten über sich bereitgestellt haben. Auch hier verlaufen Trennlinien nicht scharf, lassen sich die Sphären nur schwer voneinander abgrenzen. Wirtschaft funktioniert nicht eindimensional. Und trotzdem hat sich über die letzten 20 Jahre ein exorbitanter Überwachungs- und Manipulationskapitalismus entwickelt. Aber ist dieser Teufelsbund, bei dem Daten gegen vermeintlichen oder effektiven Nutzen getauscht werden, und den die Internetgiganten vor Jahren mit uns geschlossen haben, wirklich so alternativlos?

Der Mensch entrückt der Realität – den Daten sei Dank.

Unsere Welt wird digitaler. Das bedeutet aber eben auch, dass unser direkter Zugriff auf die reale Welt immer weniger wird. Wir erleben schon längst nicht mehr die Welt, wie sie ist, sondern so, wie sie uns in Form von Daten präsentiert wird. Wer Herr über die Daten ist, ist auch Herr über die Weltwahrnehmung von Milliarden von Menschen. Über die Funktion der Massenmedien und der Digitalisierung als deren Steigbügelhalter wurde ja bereits viel geschrieben, was ich hier nicht wiederholen möchte. Denn mit dem Blick in die Zukunft sehen wir, dass diese Datenwelt viel sensorischer daherkommen wird, als wir das heute noch gewohnt sind. Die Schnittstellen zwischen uns und der digitalen Welt werden nicht mehr über Monitore und Tastaturen funktionieren, die irgendwie ja noch ein Teil unserer “realen” Welt sind. Jedenfalls können wir heute noch entscheiden, was auf dem Bildschirm steht und was in der Welt vorgeht, wenn ich aus dem Fenster sehe. Die Mensch-Maschine-Schnittstellen der Zukunft werden dort ansetzen, wo der Mensch sich das Bild von seiner Realität konstruiert. Nicht mehr der reale Sinneseindruck, stimuliert von etwas, dass es da draußen vermutlich gibt, sondern das neuronale Netzwerk in unserem Kopf wird direkt gekoppelt.

Aber selbst auf heutigem Niveau: Wer kennt nicht die Experimente, bei denen Probanden mit einer VR-Brille über einen Steg über einen vermeintlichen Abgrund spazieren sollen. Und obwohl sie wissen, dass hier in Wirklichkeit fester Boden unter ihnen ist, sind sie teilweise nicht mehr in der Lage, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Welcher Wirklichkeit schenkt man da das Vertrauen. Derjenigen, von der der Intellekt weiß, dass sie da ist, oder derjenigen, die aus Daten generiert und in einer Brille visualisiert worden ist? Irgendwann wird diese Unterscheidung keine Relevanz mehr haben, fürchte ich.

Auch wenn man von einem konstruktivistischen Weltbild ausgeht und damit jeder Mensch sich sowieso sein eigenes Bild der Welt baut, gibt es traditionell intersubjektive physikalische Stimuli. Scheint die Sonne, so werden die meisten Menschen dies optisch wahrnehmen können. Die meisten werden es ähnlich interpretieren. Gleiches gilt für Geräusche. Wir schaffen es, uns auf Gemeinsames zu verständigen, weil es offensichtlich Realitäten gibt, die auf viele Menschen ähnliche Einflüsse haben und zumindest ähnliche Wahrnehmungen erzeugen, für die wir übereinstimmende Begriffe haben.

Wo einer eine Tür sieht, sieht ein anderer nur die Wand

In einer Welt aus Daten wird das weitaus schwieriger. Jedem Menschen kann zu jedem Zeitpunkt eine vollkommen andere Welt präsentiert werden. Ohne Zugriff auf die Welt dahinter fehlt die gemeinsame Basis. Wer hier Gemeinsames erlebt oder nicht, entscheidet derjenige, welcher die Hoheit über die Daten besitzt. Wo heute zwei Menschen eine Tür sehen, kann vielleicht nur einer von beiden durchgehen und für den anderen bleibt sie verschlossen. Man kann diese Unterscheidung gut finden oder auch nicht. Aber die Unterscheidung ist wahrnehmbar. Stellen wir uns eine Welt aus Daten vor. Dem einen präsentiert sich die Tür, durch die er virtuell hindurchgehen kann und der andere wird niemals erfahren, dass dort eine Tür hätte sein können. Wer auch immer die Entscheidung getroffen hat, wird sich in der Wirklichkeit dafür ggf. rechtfertigen müssen. In der virtuellen Welt hingegen wird diese Differenzierung möglicherweise nie aufgedeckt werden.

Weil die Aufklärung einen evidenzbasierten Umgang mit der Rea lität fordert, um den Menschen aus der Bevormundung von Religion und Aberglauben zu befreien, haben die Menschen in Daten eine Objektivierung der Realität zu finden geglaubt. Es ist die Vermessung der Welt, die uns Erkenntnis und geistige Freiheit gebracht hat. Nach meinem Verständnis ist ein aufgeklärter Umgang mit der Wirklichkeit ohne Daten schlicht unmöglich. Und hier beginnt gerade die Tragik eines fatalen Missverständnisses. Die “Objektivität” von Daten ist keine inhärente Eigenschaft von Daten sondern eine Folge ihrer Verifizier- oder Falsifizierbarkeit in den gewählten Prozessen der Erhebung und Verarbeitung. Nur wenn dies gegeben ist, stellen Daten ein tatsächliches Bindeglied zwischen uns und der Natur dar. Ansonsten sind sie pure Illusion.

Quo vadis? Datentotalitarismus oder pluralistische Gesellschaft?

In der Kontrolle der Datenschichten, die Menschen von der physikalischen Wirklichkeit trennen, liegt die totale Macht der Zukunft. Die Manipulation wird gewaltiger, weil es nicht mehr nur darum geht, den Menschen durch abgetrennte Daten, Informationen, Benefits oder Technologien zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren. Man wird vielmehr in der Lage sein, ganze Lebensräume in einer Weise zu gestalten, die das Verhalten von Menschen beeinflusst. Matrix lässt grüßen.

Die Governance über Daten wird entscheidend dafür sein, ob sich unsere Zukunft in einem Datentotalitarismus oder in einer aufgeklärten pluralistischen datennutzenden demokratischen Gesellschaft abspielt. Um letzteres sicherzustellen, müssen Daten in das Zentrum gesellschaftlicher Diskussionen gestellt werden. In keinem Falle dürfen kapitalistische Weltkonzerne auch nur ansatzweise eine Kontrolle über das Metaverse der Zukunft ohne eine adäquate demokratische Kontrolle ausüben dürfen. Das wäre das Ende der Aufklärung, wie wir sie kennen und die ultimative Tragik der Digitalisierung.