Hallo! Mein Name ist Marc Dauenhauer. Ich bin Datenschutzbeauftragter und IT-Architekt. Sie befinden sich hier auf einem Blog, auf dem ich über Themen der Digitalisierung im weitesten Sinne berichte. Wenn Sie meine Dienstleistungen als Datenschutz-Experte oder IT-Spezialist suchen, klicken Sie bitte hier!

Informationelle Entropie – Warum wir Privatsphäre brauchen.

Immer wieder diese alte Leier. Der Datenschutz ist an allem Schuld. Tatsächlich sagen über 70% der in einer Untersuchung befragten Unternehmen, dass der Datenschutz bei der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle oder der weiteren Digitalisierung hinderlich wäre. Kaum weniger Unternehmen beklagen die anhaltende Rechtsunsicherheit bei der Umsetzung des Datenschutzes als großes Hemmnis. Beide Feststellungen haben in gewissem Rahmen ihre Richtigkeit, aber jammern hat ja bekanntlich noch nie jemanden wirklich weitergebracht.

Unzweifelhaft ist doch, dass sich das Rad der digitalen Transformation weiterdreht. Unsere Welt hat einen digitalen Zwilling mit ganz eigentümlichen Eigenschaften, die wir so in der realen Welt nicht wiederfinden. So können wir in der digitalen Welt zugleich an mehreren Orten und in unterschiedlichen Situationen sein. Wir haben dort viele Identitäten und können teilweise selbst wählen, wer wir sein wollen. Gleichsam ist es dort schwieriger, unbeobachtet zu sein oder eine Privatsphäre zu pflegen. Wir leben gleichzeitig in einer analogen körperlichen und in einer digitalen unkörperlichen Welt. Beide sind miteinander verknüpft. Was uns in der einen Welt geschieht, hat Konsequenzen für unser Ich in der jeweils anderen.

Trotzdem: Die digitale Welt können wir weder sehen noch wahrnehmen. Als biologische Wesen können wir sie nur an ihrer Oberfläche sehen, dort, wo sich digitale Prozesse auf Bildschirmen oder anderen Medien physikalisieren in Licht- oder Schallwellen, in Bewegung oder anderen physikalischen Vorgängen. Auch der Transfer von der realen Welt in die digitale geht nur über physikalische Vorgänge, die in der digitalen Welt als Daten ankommen. Die digitale Welt besteht nur aus Daten und Datenverarbeitung. Nur solange Daten durch Verarbeitung zu neuen Daten verarbeitet werden, existiert diese Welt. Insoweit verhält sie sich nicht anders als unsere biologische. Diese existiert nur so lange, wie biologische Wesen sich fortpflanzen, um zu existieren und ihre Welt zu erfahren.

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Die digitale Welt kennt nur Daten und deren Verarbeitung zu neuen Daten. Eine Bedeutung haben diese Daten innerhalb der digitalen Welt nicht. Ein Algorithmus verarbeitet nur Folgen von Eingabedaten einer standardisierten Dateneinheit – meist Bytes – und gibt solche Folgen als Ergebnis aus. Erst unsere Beobachtung und Interpretation weißt diesen Daten einen Sinn, eine Interpretation zu. Gleiches gilt für die Verarbeitunglogik der Daten selbst, die letztlich auch nur als Datum existiert.

Wenn aber unsere digitale Welt nur durch Daten und deren Verarbeitung entsteht, dann ist Datenverarbeitung nicht das Ziel der digitalen Transformation sondern eine zwingende Voraussetzung dafür, das eigentliche Ziel zu erreichen. Aber hier verhalten wir uns genauso schizophren wie beim Umgang mit Unternehmensgewinnen. Gewinn sollte niemals das Ziel eines Unternehmens sein. Gewinn ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass es das Unternehmen über einen längeren Zeitraum gibt und es seine Ziele erreichen kann. Fragt man aber unter Leuten herum, bekommt das Gewinnemachen häufig einen niederen moralischen Beigeschmack. Pfui, Gewinne machen! Pfui, personenbezogene Daten verarbeiten! Am Ende vielleicht auch noch mit Daten Gewinne machen. Ganz pervers!

Wir sollten Datenverarbeitung, die Nutzung von Daten als Existenzgrundlage unserer digitalen Welt anerkennen und Datenverarbeitung deswegen nicht ständig mit spitzen Fingern anfassen müssen. Wer – auch in Massen – Daten verarbeitet, tut prinzipiell nichts schlechtes. Spannend – und da schlagen wir wieder den Bogen zum Unternehmen – ist ja, was mit den Daten konkret gemacht wird, d.h., welche Ziele die Datenverarbeitung verfolgt.

Daten haben einen Wert in unserer analogen Welt. Dieser speist sich im Wesentlichen aus zwei Quellen: Erstens kostet es uns Aufwand, Energie und Geld, Daten zu produzieren, zu speichern, zu transportieren und zu physikalisieren. Neue Daten gibt es nie umsonst. Und zweitens helfen uns Daten, kluge Unternehmensentscheidungen zu treffen, mit denen wir die Ziele des Unternehmen erreichen können und hoffentlich auch Geld verdienen. Im Übrigen kann das eigene Geschäftsziel ja auch darin bestehen, Daten für andere aufzubereiten, damit jene ihre eigenen Geschäftsziele erreichen können.

Das Besondere an der digitalen Welt ist, dass ihre Struktur so einfach ist, dass wir die analoge Welt ausschnittsweise als Daten abbilden können. Stellen Sie sich einen Sandstrand vor. Je feiner der Sand ist, je einfacher das einzelne Sandkorn strukturiert ist, umso besser lässt sich ein Fußabdruck erstellen. Hätte man nur Sandkörner zur Verfügung, die nach komplexen Regeln zusammengefügt werden müssten, dann wäre das mit dem Fußabdruck wohl eher ein Glücksfall.

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Mit Hilfe der Datenverarbeitung erzeugen wir neue Daten, aus denen wir Erkenntnisse über die analoge Welt erzielen, wenn wir sie auf ebenjene zurückbeziehen. Der augenscheinliche Nutzen für uns ist, dass wir in einem solchen Prozess sehr viel mehr Aspekte und Parameter der realen Welt berücksichtigen können als uns das durch eine direkte persönliche Beobachtung möglich wäre. Gerade die vernetzte und interdependente Welt ist so komplex, dass wir diese Komplexität nur noch in Daten und Datenverarbeitung beherrschen können. Ohne Computer wäre keine Wettervorhersage möglich und viele andere Prozesse könnten weder in der gleichen Zeit oder Qualität ausgeführt werden. Die digitale Welt liefert uns einen Fußabdruck, den wir analysieren und auswerten können, ohne den realen Fuß dafür haben zu müssen. Zudem können wir den Fußabdruck beliebig ohne Qualitätsverlust kopieren und gleichzeitig an unterschiedlichen Orten untersuchen. Was für ein Vorteil!

Die Entgrenzung von Zeit und Ort ist eine Eigenschaft der digitalen Welt, die ganz neue Qualitäten bringt. Wir können denselben Fußabdruck beliebig lange und an vielen Orten gleichzeitig untersuchen – selbst wenn der reale Fußabdruck schon längst von Wind und Wellen vernichtet worden ist. Diese Eigenschaften führen unweigerlich zu einem Kontrollüberschuß, weil Daten in der digitalen Welt nicht einfach verschwinden, also keine natürliche Verfallsdauer haben. Alles, was in der realen Welt als flüchtiger Moment existiert, wird in der digitalen Welt potentiell unsterblich. Das Internet vergisst nie. Das versuchen wir ja schon unseren Kindern im Umgang mit Social Media hoffentlich beizubringen.

Datenschutz darf die Datenverarbeitung nicht verhindern. Damit würde er weit über seinen Auftrag hinausgehen und zur latenten Bedrohung für die digitale Welt werden. Stattdessen sind Privatsphäre und Datenschutz wichtige Konzepte, die uns helfen, die digitale Welt sinnvoll zu strukturieren.

Privatsphäre und Datenschutz schaffen Grenzen der Datenverarbeitung. Sie unterscheiden zwischen Betroffenen, denen die Daten zuzuordnen sind und den Verarbeitern. Datenschutz macht die Datenverarbeitung weniger wahrscheinlich, da dafür bestimmte Regeln eingehalten werden müssen. Und genau diese Grenzen sind aber wesentlich dafür, dass Strukturen entstehen.

Eine grenzenlose Datenauswertung würde einen Datenüberschuss produzieren, in dem sich keinerlei Strukturen mehr wiederfinden könnten. Es wäre alles beliebig und ohne Sinn. Privatsphäre und Datenschutz, allgemeiner gesprochen, Zugriffs- und Nutzungsregeln schaffen Strukturen, die uns eine Orientierung im Datenmeer erlauben. Erst auf diese Weise können wir Daten und Datenauswertungen auch einen Sinn zuordnen.

Ohne Zugriffsregeln auf Daten würden wir in einem amorphen Data Lake einfach nur ertrinken. Widerspruch?