Alle sprechen irgendwie über Digitalisierung. Den einen geht die Digitalisierung nicht schnell genug, wenn es um Schulen, Behörden, das Gesundheitswesen oder das schnelle Internet geht. Anderen sind Entwicklungen zu schnell, weil weitreichende Fragen der Ethik nicht geklärt sind. Fakt ist, Corona hat uns mal kräftig in den digitalen Hintern getreten. Wer seine Arbeit halbwegs „digital“ erledigen kann, gehört in dieser Krise eindeutig zur Gewinnerseite. Durch die Arbeit im Home-Office ist das Ansteckungsrisiko im Gegensatz zu Arbeiten im Supermarkt oder im Krankenhaus deutlich reduziert. Firmen, die bereits ein gewisses Digitalniveau erreicht hatten, konnten den Geschäftsbetrieb viel leichter mit der Arbeit im Home Office verbinden und ggf. bestehende analoge Geschäftsmodelle schneller digital ergänzen und so zumindest Teile des Umsatzes sichern.

Um die Anzahl der Kontakte zu beschränken, sind digitale Lösungen unverzichtbar. Distanzunterricht in den Schulen geht nicht ohne digitale Infrastruktur. Manche Behördengänge sind derzeit nur digital oder zumindest mit digitaler Voranmeldung möglich. Von der Beschaffung von Waren ganz zu schweigen, die derzeit nur per Lieferservice und Online-Bestellung zu bekommen sind. Das Smartphone wird immer mehr zur Schaltzentrale, in der alles irgendwie zusammenläuft. Und weil wir es deshalb immer dabei haben, ist es natürlich auch das beste Gerät, um eine Corona-Warn-Funktion zu implementieren.

Padautz! Vollbremsung! Stop! Es haben gar nicht alle ein passendes Smartphone!? Ups. Aber vielleicht können sich die ewig gestrigen Djgisaurier ja auch mal endlich bewegen und sich ein solches zulegen. Eine Corona-Warn-App ist ja schließlich Bürgerpflicht und dient dazu, Leben zu retten. Ach, können Sie sich gar nicht leisten? Das ist ja blöd. Aber wie leben Sie denn? Wo bestellen Sie denn Ihre Waren? Ach, sie gehen noch in den Supermarkt? Krass! Und wie bekommen Sie dann online einen Impftermin? Echt? Sie müssen da anrufen und stundenlang in Warteschleifen zubringen? Ich hätte ja ’ne E-Mail geschickt. Ihre Tochter hat gar keinen Internet-Anschluß? Aber wie macht sie denn dann das Home Schooling mit Ihren Enkeln? 

Merken Sie was? Wenn Corona uns einen Digitalisierungsschub verpasst hat, dann hat Corona auch einen Graben viel tiefer werden lassen, den es davor schon gab. Doch die zunehmende Abwanderung von Diensten ins Internet, aber auch Angebote von Kultur, Bildung und Freizeit, die sich zunehmend ins Digitale verlagern, sind für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr oder kaum noch erreichbar. Wer in Deutschland arm ist, kann sich keine digitale Infrastruktur leisten, hat bestenfalls ein einfaches Handy mit Prepaid-Tarif. Wer – noch schlimmer – nicht einmal eine Bleibe hat, ist vollkommen ausgegrenzt. Oder was würden Sie sagen, wenn Ihnen ein Obdachloser mit einem 1a Smartphone begegnet? Penner goes digital? Bitte – liebe Leser – verzeihen Sie mir den Anflug von Sarkasmus, aber die Diskussion um den Rückstand der Digitalisierung – und da muss ich mich leider mit einschließen – wird vorwiegend von Leuten geführt, die dem aktuellen Stand der Digitalisierung voraus sind und darunter leiden, dass in Deutschland nur eine rückständige Infrastruktur besteht. Dabei vergessen wir, dass eine digitalisierte Gesellschaft ohne Spaltung nur dann funktioniert, wenn auch die weniger Privilegierten an der Entwicklung teilhaben können. Mit jedem Schritt, den wir weiter in die Schöne neue Welt  gehen, mit jedem KI-Leuchtturm, mit jedem neuen Bürgerportal und jedem neuen Online-Bestellungs-Wohlfühl-Chat-Robot, hängen wir Menschen ab. Wollen wir zulassen, dass es in ein paar Jahren tatsächlich so etwas gibt wie ein digitales Präkariat? 

Bei aller Technikbegeisterung müssen wir nicht nur über die Infrastruktur nachdenken, sondern auch, wie wir eine digitale Grundbildung und eine digitale Grundversorgung etablieren. Ein Smartphone ist heute kein Luxus mehr sondern Voraussetzung für eine digitale Teilhabe. 

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