Digitale Revolution

Buzzwords voraus

Digitalisierung ist das neue Buzzword. Alles hat mit Digitalisierung irgendwie zu tun. Doch niemand sagt genau, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Hört man unseren Politikern zu, wird nahezu alles  in den großen Topf geworfen: 5G, 4G, Netzausbau, KI, Industrie 4.0, Big Data. Ein Digitalgipfel jagt den anderen und am Ende kommt scheinbar nur das flaue Gefühl heraus, abgehängt zu werden.  Europa ist nicht der fette Fleischklops im KI-Bürger zwischen USA und China.  „Europa ist in diesem Burgerbild eher das welke Salatblättchen.“, wie es die Zeit treffend formuliert.

Aber was müssen wir unter Digitalisierung eigentlich verstehen? In diesem Wort stecken gleich drei verschiedene Dinge, die sich im deutschen begrifflich schwer auseinanderhalten lassen:

  • Digitalisierung als Verfahren, Sachverhalte der realen (analogen) Welt in digitale Datenpakete abzubilden, zu speichern und zu verarbeiten.
  • Digitale Verarbeitung als technologische Anwendung, mit den Datenpaketen zu arbeiten, Analysen durchzuführen, Ergebnisse zu berechnen und die Ergebnisse wieder in Sachverhalte der realen Welt zu überführen. Üblicherweise verfügen digitale Verarbeitungen über analoge Entsprechungen in der realen Welt.
  • Digitale Transformation als wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Prozess, neue Vorgänge im digitalen Universum zu entwickeln, für die es keine Entsprechung in der realen Welt mehr gibt. Hierzu zählen neuartige Geschäftsprozesse genauso, wie moderne Formen der Telekommunikation, des Konsums, der Bürgerbeteiligung, der Meinungsbildung, der staatlichen Organisation, der Machtausübung, der Bildung, der Forschung und Erkenntnisgewinnung usw.

Die digitale Revolution

Die digitale Transformation wesentlicher Bereiche unserer Gesellschaft stellt den Kern der digitalen Revolution dar. Der Begriff „Revolution“ steht dabei für einen Umbruch, der bestehende Strukturen radikal verändert und der zumeist in einem rasanten Tempo verläuft.

Die Verarbeitungskapazitäten für digitale Informationen haben zuletzt dramatisch zugenommen. Die Erfassung von analogen Sachverhalten ist durch vielfältige Sensoren allgegenwärtig. So ist heute jedes Smartphone ein kontinuierlicher Datenlieferant von Standort-, Bewegung- und Nutzungsdaten. Fernseher, Smart-Meter, Autos, Drucker, Waschmaschinen und Zahnbürsten liefern vielfältige Informationen. Die Nutzung von Sensoren im industriellen Bereich, um Belastungen von Maschinen, Nutzungszyklen oder Verschleiß frühzeitig zu erkennen, entwickelt sich immer mehr zum Standard. Ein großer Teil der Telekommunikation funktioniert nur noch digital über soziale Netzwerke, Messenger und ähnliche Technologien.

Wesentlich mehr Daten entstehen jedoch durch die digitale Transformation selbst. Digitale Metadaten, also Daten über die digital ablaufenden Prozesse, geben weitere Einblicke in unser Leben.  Im Grunde handelt es sich um einen sich selbst verstärkenden Prozess. Gerade diese Rückkopplung bestimmt das immer größer werdende Tempo, in dem sich die digitale Transformation vollzieht.

Rückkopplung als Tempomacher

Je mehr Prozesse, ob wirtschaftlicher, technologischer, sozialer oder politischer Natur, sich in den digitalen Raum verlagern, umso einfacher wird es, diese Prozesse zu neuen Datenlieferanten zu machen und auf diesen Daten weitere digitale Prozesse und Transformationen aufzubauen. Dies führt nicht nur zu einem exponentiellen Wachstum von Daten sondern auch zu einer entsprechenden Beschleunigung der digitalen Transformation. Natürlich lässt sich dieser Datenpool, ob seiner Größe, nur noch durch klug konstruierte Algorithmen bewältigen. Die Verarbeitungskapazität digitaler Informationen hängt entscheidend von der Entwicklung in diesem Bereich ab. Gerade hier soll künstliche Intelligenz helfen. Algorithmen, die Daten nach vorgegebenen Kriterien analysieren, existieren schon lange. Interessant sind Algorithmen, die selbständig wiederkehrende Muster in großen Datenmengen erkennen und sich durch ihre „Lernfähigkeit“ in der Erkennungsrate verbessern.

Die digitale Transformation verlagert vormals analoge Prozesse in den digitalen Raum. Analoge Alternativen zu digitalen Abläufen verschwinden über kurz oder lang oder überleben in kleinen unbedeutenden Nischen.

Verpasste Chancen

Deutschlands Politik verschläft die Chancen und Möglichkeiten dieser Transformation seit Jahren. Ein paar Beispiele:

  • Telekommunikation: Die Auktionen zu 5G sind noch immer nicht abgeschlossen. Die Höchstgebote summieren sich mittlerweile auf 6,1 Milliarden Euro. Dies ist eine unvorstellbare Summe, die von den Telekommunikationsunternehmen aufgebracht werden muss, nur um am Ende einen behördlichen Stempel auf ein Blatt Papier zu bekommen. Ein großer Teil dieses Geldes wird am Ende fehlen, um den notwendigen Ausbau der Mobilfunk- und Glasfasernetze voranzubringen.
    Dabei sollte man aus den Erfahrungen mit 3+4G gelernt haben. Damals wurden rund 50 Milliarden Euro für ein paar Stempel ausgegeben. Wir fallen heute noch von einem Mobilfunkloch in das nächste, weil der Ausbau nur dort vorangetrieben wurde, wo viele Kunden einen entsprechenden Return on Investment versprechen. Am Ende führte dieser Prozess mit überhöhten Lizenzgebühren nur zu einem unvollständigen Netzausbau mit überhöhten Gebühren für die Endkunden.
    Mit wieviel Sachkenntnis unsere Bundesregierung hier aufwarten kann, erkennt man leicht an Bemerkungen wie der unserer Wissenschaftsministerin, die 5G an jeder Milchkanne für überflüssig hält. 
    Hingegen schreibt der Bitkom schon 2017: „Die Bedeutung einer flächendeckenden Versorgung mit Breitbandanschlüssen ist enorm: Viele Mittelständler haben ihren Sitz im ländlichen Raum und sind auf breitbandige Anschlüsse angewiesen. Die Versorgung mit mindestens 50 Mbit pro Sekunde bleibt ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft.“
  • Digitalisierung der Verwaltung: Die große Koalition hat versprochen, alle Verwaltungsdienstleistungen bis 2022 online anzubieten. Wie das Handelsblatt berichtet, fehlt hier jedoch „Personal und Willen“. 
    Wie dramatisch die Situation hinsichtlich der IT-Ausstattung der öffentlichen Hand ist, kann man konkret in NRW erleben. Mangels zeitgemäßer Software ist es den hiesigen Finanzämtern derzeit nicht möglich, Erbschaftssteuer in Höhe vom 500 Millionen Euro jährlich einzutreiben. Einem Geschäftsführer eines privaten Unternehmens drohte bei einer derart sträflichen Vernachlässigung seines Geschäftsbetriebs sicherlich ein Verfahren wegen Untreue zu Lasten des Unternehmens. Der Staat, so scheint es, kann und darf sich das leisten.
  • Künstliche Intelligenz: 3 Milliarden Euro frisches Geld für die Erforschung und Entwicklung künstlicher Intelligenz bis 2025, so konnte oder wollte man die KI-Strategie der Bundesregierung lesen. Schade nur, dass die „wichtigste Erfindung seit der Dampfmaschine“ (Peter Altmeier) am Ende nur mit 500 Millionen Euro frischem Geld gefördert wird. Der Rest kommt aus Budget-Umschichtungen der beteiligten Ministerien. Gemessen an den öffentlichen Bekenntnissen der Bundesregierung ist dies ein mehr als halbherziger, die Bedeutung der Zukunftstechnologien ignorierender Schritt. Im Vergleich sind die Budgets von Sozialministerium, Verkehrsministerium und Verteidigungsministerium zusammen um rund 12 Milliarden Euro in 2019 gegenüber 2018 gestiegen.
  • Umgang mit Wissensarbeitern und digitalen Experten: Die Bundesregierung, allen voran die SPD, bewegt sich gedanklich noch immer im industriellen Zeitalter, wenn es um die Bewertung moderner Arbeitsformen geht. In dramatischer Weise werden die Wünsche und Anforderungen von z.B. freiberuflich arbeitenden Experten ignoriert und ganze Wirtschaftszweige in unnötige rechtliche Unsicherheiten gestoßen. Die Folge: Viele wichtige IT-Projekte werden verschoben, abgesagt oder gar ins Ausland verlagert. Die Zahl der freiberuflichen IT-Experten, die ins Ausland abwandern steigt deutlich an. Ohne ein Umsteuern in der Bundespolitik droht diesem Land eine Abwanderung wichtigen Experten-Know-Hows in erheblichem Ausmaß.
    Die Abwanderung scheint jedenfalls bereits so massiv zu sein, dass sogar das SPD-Wirtschaftsforum davor warnt.

Digitalisierung und Umweltschutz

Die etablierten Parteien haben bei der jüngsten Europawahl einen erheblichen Dämpfer bekommen. Wer sich die Untersuchung „Umweltbewusstsein in Deutschland 2018“ des BMU ansieht, weiß auch warum. Neben sozialer Gerechtigkeit und Zustand der Bildung ist kein anderes Thema so wichtig wie der Umweltschutz.

Aber gerade in der Nutzung digitaler Innovationen liegt ein enormes Potential für die Verbesserung des Umweltschutzes z.B. durch Schonung von Ressourcen. Das Bundesumweltministerium hat im Mai 2019 eine umweltpolitische Digitalagenda vorgelegt. In Kern ist dies ein begrüßenswerter Ansatz, allerdings kann man bezweifeln, dass das BMU mit einem Gesamtbudget von rund 2,2 Milliarden Euro die notwendige Finanzkraft hat, Projekte in nennenswerter Anzahl anzuschieben.

Vernetzung der Politikfelder

Die digitale Revolution erfasst alle Lebensbereiche. Sie wirkt disruptiv, sorgt für innovative Lösungsmöglichkeiten bestehender Probleme und schafft neue Problemfelder, auf die wir noch gar nicht vorbereitet sind. Der Transfer vieler Lebensbereiche in digitale Wirklichkeiten fordert uns in rechtlicher, politisch demokratischer, ökonomischer, sozialer, kultureller, wissenschaftlicher und technologischer Weise heraus. In praktisch allen Feldern spielen die neuen Technologien eine bedeutende Rolle.

Eine zukunftsgerichtete Politik sollte diese Vernetzung der Politikfelder nicht nur erkennen sondern in konkrete Maßnahmen und Handlungen umsetzen. Bestandsschutz bestehender Wirtschaftszweige, Technologien und Strukturen dürfen angesichts der bevorstehenden dramatischen Umwälzungen in Technologie und Umwelt nur noch Ausnahmen sein. Je schneller wir den Weg frei machen, unsere Gesellschaft mittels neuer Technologien nachhaltiger zu gestalten, umso eher haben wir alle die Chance, noch möglichst lange unseren Planeten in Wohlstand zu genießen.

Angesichts der Tatsache, dass wir als eine der großen Wirtschaftsnationen in Europa in vielen Bereichen bestenfalls nur noch im Mittelfeld mitzuspielen vermögen, sollte unsere Regierung endlich aufwachen und die notwendigen Mittel für eine umfassende Modernisierung dieses Landes bereitstellen, bevor es auch hier zu spät ist. Es ist dramatisch, dass im Digital Economy and Society Index Deutschland erst hinter Ländern wie Dänemark, Schweden, Finland, Niederlande, Luxembourg, Irland, Groß-Britannien, Belgien, Estland, Österreich, Malta und Litauen anzutreffen ist.

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